Archiv für September, 2011

Rückblick

Posted in Uncategorized on September 2, 2011 by lukibern

So, nachdem der letzte Tag vorbeiging ist es doch Zeit geworden für einen Rückblick. Ich hoffe ich kriege das irgendwie auf die Reihe.

 

Eine geordnete Rückschau wird schwierig, da ich kein Zeitgefühl habe, wann was geschah. Item.

 

Der Anfang war an Surrealität kaum zu überbieten. Da waren alle uniformiert, die Umgangsformen völlig komisch und ungewohnt und die Abläufe völlig anders als im normalen Leben. Relativ schnell wurde klar, dass wir zusammenarbeiten mussten, um die Befehle auszuführen. (Es war auch völlig neu, dass alles Gesagte ein Befehl war und alles nicht Gemachte eine Befehlsverweigerung- grosses Drama). Komisch mutete (bzw. mutet immer noch) die militärische Rhetorik an. Auf die Frage „Wieso haben Sie das nicht gemacht?“ folgt im normalen Leben irgend eine Antwort, die Einsicht zeigt und versichert, dass es nie mehr vorkommt. Man beantwortet die rhetorische Frage an sich nicht. Im Militär wurde plötzlich genau das erwartet. Man musste alles begründen können. Ein absolut fremder Umgang.

Neu war auch die Dramatik. Mücken wurden zu Elefanten, geschrieen wurde wegen allem. „Mit Details gewinnt man Kriege“ und ähnliche Sprüche steigerten die Komik des Vereins. Es war verwunderlich, dass irgendjemand das System überhaupt Ernst nehmen konnte. Dies alles wurde noch einmal gesteigert, nachdem wir sämtliches Material gefasst hatten. Jetzt musste die Zimmerordnung perfekt sein und das Tenu fehlerfrei. Verben wie „Tenu/Kampfkomplett etc. erstellen“ und „retablieren“ wurden eingeführt, von den Rekruten für völlig weltfremd befunden und bis Ende RS zutode gebraucht.

 

Irgendwann wurde dann die Waffe zeremoniell entgegengenommen. Bizarr, in einem Land zu leben, in dem jeder Mann, der über 18 ist und geradeaus gehen kann ein Gewehr in die Hand gedrückt kriegt. Man muss sie nicht einmal kaufen. Sie wird einem noch quasi aufgezwungen. Bis heute einer der Kritikpunkte am System. Ich habe Leute an der Waffe erlebt, die ich niemals mit einem Gewehr ausgerüstet hätte, bzw. sie gerade wieder entrüstet hätte.

 

Die Ausbildungen im Sanitätsdienst waren von Anfang an lehrreich und intressant. Ausserdem schienen sie als Ausnahme im Militär, sinnvoll zu sein. (dies bewahrheitete sich mehrmals).

Was sicher zu kritisieren ist, ist die Organisation. Ich bin zwar schon hunderte Male darauf rumgetreten, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Ein solches Ghetto aus dem Nichts. Dieselben Fehler und Fehlplanungen Mal für Mal (Schlüssel für den Ausbildungsort, 2o‘ von der Kaserne entfernt vergessen, Transporte nicht organisiert oder massiv verspätet usw.) und dabei kaum einmal eine Einsicht oder Entschuldigung. Das ist und bleibt eine Schwäche des Militärs, wie ich es erlebt habe.

 

Je länger, desto mehr entstand das Bild vom Paralleluniversum Militär. Auf der dreistündigen Zugfahrt ging ein Transfer in ein Universum der eigenen Regeln vonstatten. Ein Universum, indem alle dasselbe tragen. Ein Universum, indem nichts Sinn macht oder keinen Sinn machen muss. Ein Universum, indem die Autorität weder auf Kompetenz, noch auf natürlicher Autorität, sondern auf kümmerlichen Zeichen am rechten Kragenrand und auf dem Mutz gründet. Ein Universum, indem Anstand verlangt wird, aber nicht erwidert werden muss. Ein Universum, indem man sich anmelden muss, bevor man spricht. Ein Universum, indem die Individualität auf das private Schäftchen zu reduzieren versucht wird (indem aber trotzdem jeder sehr individuell bleibt trotz Uniform). Ein Universum, indem essen ein Befehl ist.

Es ist eine andere Welt. Nicht umsonst sprach man plötzlich vom „zivilen“ Leben, als ob das nur eine Nebenerscheinung des militärischen Lebens sei.

 

Alles war aber nicht schlecht in dem Paralleluniversum. Ich konnte in vielerlei Hinsicht sogar vom Militär profitieren.

 

Dank dem Militär hatte ich die Gelegenheit, Leute kennenzulernen, die ich sonst nie im Leben getroffen hätte. Ausserdem ist der Rahmen, in dem man mit diesen anfänglich Fremden verkehrt, absolut einmalig. Jeder stupide Auftrag, jeder übertriebene Zusammenschiss, jede zu kurze Zeitlimite, jeder Planungsfehler schweisste zusammen. Man lernte sich nicht in entspanntem Rahmen kennen, sondern musste von allem Anfang an miteinander arbeiten bzw. funktionieren. Ein unglaublich interessanter Prozess in Persönlichkeits- und Gruppenentwicklung vollzog sich also relativ schnell und ausführlich. Ich lernte, mitten im Zusammenschiss in mich hineinzulachen. Wir hatten als Gruppe die Möglichkeit, Situationen zu erleben, die so absurd waren, dass wir zivil nie die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Ich lernte, Konflikte auszutragen, weil es einfach sein musste. Ich lernte, eigene Ansprüche zurückzustellen, weil es anders nicht möglich war.

 

Negative Punkte habe ich über fünfzig Tage immer wieder erwähnt. Es bleibt abschliessend zu sagen, dass ich einiges ändern würde, wenn ich könnte. Dass das ganze Militär sinnvoller gestaltet werden müsste, dass es aber mit den richtigen Leuten (und der richtigen Einstellung) eine wertvolle Zeit sein kann. Ich danke in dem Sinn allen Leuten, die zur RS beigetragen haben und nicht dem Militär für die schöne und spannende Zeit.

 

Wie es mit diesem Blog weitergeht, weiss ich noch nicht, da ich für ein Jahr aus dem Verein raus bin. Stay tuned. Wenn Sie mir eine E-Mail (Adresse unten) schreiben, werde ich zu gegebener Zeit informieren.

Aller Voraussicht nach wird es die bisherigen Beiträge in gedruckter Form mit Bildern unterstrichen geben. Wenn Sie Interesse an einem Exemplar haben, schreiben Sie mir auf lukibern@gmx.ch eine E-Mail und ich halte Sie diesbezüglich auf dem Laufenden.

Vielen Dank Ihnen, für das Lesen dieses Blogs. Es hat mir unheimlich Spass gemacht ihn täglich zu führen und Ihre Feedbacks entgegenzunehmen! Alles Gute und auf bald!

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Tag 58

Posted in Uncategorized on September 1, 2011 by lukibern

Jetzt wäre Zeit für einen RS-Rückblick. Da ich aber in drei Stunden Wache schieben muss und um Schlaf froh bin, verschiebe ich den Rückblick auf das Wochenende.

Heute Morgen gaben wir das Korpsmaterial ab. Ich glaube ich war erleichterter als Hindus, die sich um Ghanges waschen. Es hatte etwas wahrhaft rituelles, die alte Last abzuladen und war psychisch von unschätzbarem Wert.

Nach der Abgabe gings an die Wascheimer. Der Auftrag war, alle Ausbildungsorte und die Kaserne zu putzen und abgabebereit zu machen. Ich hatte die grosse Freude, den Ausbildungsort für den Sanitätsdienst zu putzen. Zeit hatten wir von 9:30 bis 18:00. Um 16:00 waren wir fertig und um 12:30 hätten wir fertig sein können. Ich habe im Militär den Ausdruck „pimpeln“ kennengelernt. Heute haben wir nichts anderes gemacht.
Auf zwei Stunden Arbeit folgten zwei Stunden Pause, danach war wieder für eine halbe Stunde Arbeit vorhanden, die uns so anstrengte, dass wir erneut zwei Stunden Pause brauchten. Wir schliefen, spielten Ball (mit einem Ball aus Verbänden zusammengewickelt) und redeten mit dem Gruppenführer über seine Sicht der Dinge. Ein gemütlicher Tag.

Jetzt ist Feuer im Dach weil Material fehlt. Dieser Verein ist besser als jeder Film. Obwohl jeder Ausrüstungsgegenstand hundert Mal auf Vorhandensein geprüft ist, scheibt niemand in der Lage zu sein dies schriftlich sinnvoll festzuhalten. Mit andern Worten, sie haben keine Ahnung wo was fehlt. Sie wissen nur was fehlt und durchsuchen jetzt irgendwie die Zimmer. Keine Ahnung, was sie vorhaben. Wahrscheinlich ein Vorgehen mit Effizienzstufe -5.

Ich behaupte, dass wenn man einer Horde Nashörner die Aufgabe der Materialrückgabe stellen würde, dass die ganze Übung schnelker vonstatten ginge. Vor Nashörnern habe ich wenigstens Angst.

Gute Nacht und Stay tuned für den Rückblick!